Normal – was war das nochmal?


Lässt man mal aktuelle und ebenfalls gravierende Dinge beiseite (Streik der Lokführer, BND/NSA-Affäre usw.) ist ja das beherrschende Thema der letzten Jahre der Klimawandel (und die Energiewende, aber um die soll es hier nicht gehen).

Beim Thema Klimawandel fällt einem sofort der Begriff „normal“ ein, und um den soll es hier gehen! Ich behaupte: Der so genannte „Normalwert“ ist ein extremer Wert, der fast nie erreicht wird. Ständig liegt die Temperatur mal über, mal unter dem Normalwert. Das ist schließlich normal!

Zwar lernt jeder Schüler etwas über die Gauss'sche Glockenkurve, wobei die Spitze in der Mitte den „Normalwert“ darstellen soll. Je weiter man sich den Rändern nähert, um so seltener wird das Auftreten der entsprechenden Werte. So weit, so gut.

Ich will jetzt hier gar nichts zu den Begriffen Statistik, Normalverteilung und Standardabweichung sagen. Aber was ich mich frage: Wenn die Abweichung vom Normalen normal ist, was ist dann anomal? Ist es die Stärke/Höhe der Abweichung? Oder etwas Anderes?

Bleiben wir mal bei der Temperatur, weil oben der Begriff „Klimawandel“ fiel. Überall, auch in den Texten, die ich für das EIKE übersetze, ist viel von „über/unter dem Mittelwert“ die Rede. Zum Kuckuck, diesen „Mittelwert“ gibt es doch erst, wenn ihn irgendjemand festlegt! Es gibt da Zeiträume von 30 Jahren, 100 Jahren, Jahrmillionen... Jeder einzelne Zeitraum hat einen Mittelwert, und keiner davon gleicht dem anderen, außer mal rein zufällig. Es gibt also gar nicht DEN Normalwert, und das ist natürlich völlig normal!

Es gibt Kalt-Extreme, die anderswo Warm-Extreme sind – irgendwo dazwischen entspricht dieser wohl auch dem „Normalwert“. Wo ist die Grenze? Ein Sommer in Deutschland wie der im Jahre 2003 wäre in der Sahara ein kühler, nasser Sommer gewesen. Ob man dort, wo man an permanente Trockenheit und Superhitze gewöhnt ist, glücklich wäre mit so einem Sommer?

Es gab in diesem neuen Jahrhundert bereits eine ganze Reihe kalter Winter bei uns. In Sibirien wären diese Temperaturen schon fast sommerlich gewesen. Hätte man sich dort über einen derartigen Winter gefreut? Wohl kaum – es wäre den Menschen vermutlich unheimlich gewesen.

(Einwurf: Mein Freund, der Meteorologe Hans-Dieter Schmidt, weist mich darauf hin, dass es im Januar 1988 am Nordural, genauer in der Kohlestadt Workuta, rund 10 Tage lang Tauwetter mit Temperaturwerten etwas über dem Gefrierpunkt gab. Er wusste aber auch nicht, wie die Ortsansässigen darauf reagiert haben).

Extreme sind genauso normal wie das Normale extrem ist. Einen Sommer oder Winter, der jeden Tag, die ganze Zeit über ausschließlich die der „Normaltemperatur“ entsprechenden Werte gehabt hätte, ist so was von extrem – nicht nur bei uns, sondern in allen Klimaten der Welt. Soweit ich weiß, hat es so etwas auch noch nie gegeben.


© Chris Frey, Juni 2015